Gedanken zur Zeit II

Bevor sie sich zu Siegern küren

Die Geschichte wird bekanntlich immer nur von den Siegern geschrieben. Während die Geschichten in der Regel von einfachen Menschen gelebt und erlitten werden. Besonders in Kriegen.

Und die Geschichte der Sieger wird oft schon vor dem Ende des Krieges entworfen, um sich am Tag des Sieges oder derNiederlage (auf der Verliererseite gilt im übrigen dasselbe nur umgekehrt), rechtzeitig zum Triumphzug einzustellen (oder für die Verurteilung der an der Niederlage Schuldigen). Bleiben wir bei den Siegern.

Das vorläufige Ende der aktuellen Virus-Lage ist abzusehen. Der Impfstoff wird das Problem in wenigen Wochen aus der – reichen, westlichen – Welt geschafft haben. Es geht ja nur um uns, hier in Europa und vielleicht um die USA, weil man ja schon lange einmal dahin wollte. Die Route 66 und so. Etwas anderes interessiert weder Politik noch Medien. Man wird Normalität reklamieren, was immer das auch heissen mag.

Die Jojo-Politiker, die uns seit anderthalb Jahren zwischen harten, weichen, langen und kurzen Lockdowns hochziehen und herunterrollen liessen, werden sich als Sieger zu präsentieren versuchen. Es müssen Wahlen gewonnen werden, Pfründe verteidigt und Narrative entwickelt werden. Die Medien – die allermeisten Medien – werden dabei wacker mithelfen und die zu erwartenden Verlautbarungen dankbar als Wahrheit an die Leserinnen und User weiterleiten. Und dieses Narrativ geht so:

Unsere Regierung hat unter grossem Zeitdruck, aber rechtzeitig die zwar schmerzhaften, aber im Gesamtinteresse notwendigen Schritte eingeleitet und so tausenden von Menschen das Leben gerettet. Dank unserer Regierung wurde rechtzeitig ein Impfstoff entwickelt, der das Virus besiegt hat und jetzt der Gesellschaft und der Wirtschaft zu einem normalen Leben verhilft. Unsere Regierung befand sich in einer ausserordentlichen Lage, sie befand sich im Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, der mit ungewohnten Mitteln bekämpft werden musste. Mittel, die zum Teil erst im Laufe des Krieges entwickelt werden konnten und deshalb von uns allen ungewohnte Opfer und Flexibilität abverlangten, an die wir uns dank der Einsicht der Bevölkerung gewöhnt haben. Unsere Regierung dankt allen Fachleuten, die sich in den Dienst der Rettung (wahlweise) unserer Nation, unseres Volkes unseres Kontinentes, der Welt gestellt haben. Unsere Regierung dankt insbesondere den Pflegerinnen und Ärzten in Spitälern und Heimen, die schier Unmenschliches in diesem Krieg geleistet haben. Unsere Regierung spricht den Hinterbliebenen der Opfer ihr tiefstes Beileid aus. Und: Unsere Regierung ist jetzt für weitere, unvermeidliche Pandemien besser gerüstet als je.

So oder ähnlich wird es in wenigen Wochen durch alle Kanäle hindurch titeln und dröhnen. Und wie zu Beginn wird auch zum – vorläufigen – Ende der Pandemie kein Sterbenswort der Kritik zu hören sein. Froh über den wieder ungehemmt möglichen Konsum und das sinnfreie Herumreisen, wird sich die Masse das wie ein Labsal nach einer Durststrecke verabreichte Narrativ einträufeln lassen, in der beruhigenden Gewissheit, alle Pein habe einen Sinn gehabt. Man kennt den Vorgang seit den Atomkatastrophen, seit den Finanzkrisen, seit den Immobilienkrisen, seit der Plünderung unserer industriellen Standorte und deren Verlagerung nach China. Immer haben unsere Regierungen im Gesamtinteresse gehandelt. Bei der ablaufenden Klimakatastrophe zeichnet sich dasselbe Muster ab. Das Nachher wird das Vorher sein.

Dabei wäre der Zeitpunkt jetzt so günstig wie nie, endlich ans Eingemachte zu gehen und die überfälligen Fragen an dieausgehöhlte Demokratie und an das überall verinnerlichte neoliberale Dogma zu stellen. Welche?

In einer Demokratie, in der des Erheben und die Höhe der Hundesteuer der Volksabstimmung unterliegt, der Bevölkerung aber per Dekret auf unabsehbare Zeit und undifferenziert praktisch überall Maulkörbe umgebunden werden – anders ist die so genannte „Maskenpflicht“ nicht zu benennen – ist punkto Verhältnismässigkeit einiges aus dem Ruder gelaufen. Wo sind die Beweise und Analysen der getroffenen Massnahmen? In einer Demokratie, in der ganze Wirtschaftszweige – Kultur, Gastronomie als Beispiele – nur aufgrund von Vermutungen auf unabsehbare Zeit ohne Widerspruchsrecht lahm gelegt werden, sind fundamentale Grundregeln der Wirtschaftsfreiheit ins Wanken geraten. Wo ist der Nachweis für die Wirksamkeit des befohlenen Stillstandes? In einer Demokratie, in der das Recht auf Meinungsäusserung – konkret Demonstrationen im öffentlichen, nicht geschlossenen Raum – mit dem Hinweis auf eine nicht zu beweisende Ansteckungsgefahr verboten werden, sind Grundrechte zur Disposition gestellt worden. Wo sind die rechtsstaatlich korrekten Verfahren für die Einschränkung dieser Grundrechte geblieben?

Die gesamte Virusstrategie in der Schweiz und weit darüber hinaus fusste auf der Behauptung, man wolle damit das Gesundheitssystem vor dem Kollaps retten. Wo aber waren die Vorsorgepläne und Vorsorgemassnahmen gegen die in jedem Krisenszenario seit Jahren als besonders hoch bezeichnete Pandemie-Gefahr? Wo waren die Reservisten, wo die Reserve-Infrastruktur als die eindeutigen Pandemie-Hinweise geliefert wurden? Und – noch weit gravierender – wo sind diese Vorsorgemassnahmen im Hinblick auf unzweifelhaft nächste Pandemien? 

Die Antworten auf die systemischen Fragen bezüglich Gesundheitsversorgung hängen ohne Ausnahme mit der neoliberalen Weltordnung zusammen. Auch in der Schweiz, dem neoliberalen Museterland. Nicht nur gibt es keine pandemietauglichenSpitäler im Zivilschutz, auch die Militärspitäler wurden abgeschafft. Die öffentlichen Spitäler wurden auf Gewinn getrimmt, auf rentable Operationen eingerichtet und angeblich privatisiert. In Tat und Wahrheit wurden einfach Gewinne an in öffentlichen Spitälern privat praktizierende Spezialärzte transferiert und ein Paradies für jede Art von Technik- und Infrastruktur-Zulieferern eingerichtet. Der Rest ist Galeeren-Wirtschaft mit dem an Zahl und Gehalt viel zu knapp gehaltenen Pflegepersonal und den Ärzten in Ausbildung. Für die so faktisch produzierten Defizite der allgemeinen Pflege kommt ein perverses Krankenkassensystem auf, dessen Kosten selbstredend der Prämienzahler praktischerweise durch ein Obligatorium bezahlt und ansonsten der Steuerzahler (Prämienverbilligung), was den lohnempfangenden regulären Prämienzahler zum Doppelzahler macht. 

Warum hat man sich nicht von Anfang an – nachdem eine Null-Ansteckungsstrategie in einer offenen Gesellschaft und in einem offenen Kontinent nicht zu machen ist – auf die verletzlichen Personen, deren Pflege und deren Heilung konzentriert? Knapp 5 Prozent einer Bevölkerung. Warum wurde nicht von Anfang an nach einer Medikamenten-Kombination gesucht, um die schweren Fälle im Frühstadium zu bekämpfen oder gar zu verhindern? Warum wurde erst nach einem Jahr – in der Schweiz – ein von einem Schweizer Pharmamulti angeblich entwickeltes, sensationelles Medikament vom Staat (!) angekauft, um damit was zu tun? Antwort: Weil es einfacher ist, die gesamte Bevölkerung und Wirtschaft unter einen gleichsam egalitären Stress zu setzen, statt differenzierte Strategien zu entwickeln, die zwar dieselbe Zahl von Kranken und Toten kosten könnten, aber wenigstens die sozialen, psychologischen und wirtschaftlichen Kosten für die restlichen 95 Prozent niedrig hielten oder gar nicht entstehen lassen. Und weil es einfacher ist, die gewohnten, für alle Beteiligten lukrativen, Seilschaften zwischen Pharmaindustrie, Politik und Verwaltung zu nutzen, als multidisziplinäre Teams an kostengünstigen Lösungen arbeiten zu lassen. In Sizilien gibt es dafür seit dem auslaufenden 19. Jahrhundert einen heute noch gebräuchlichen Begriff.

In der nun zweifellos losbrechenden Euphorie über den „Sieg über das Virus“ wird das alles sorgsam unter den Teppich gekehrt werden. Und noch viel mehr. Zum Beispiel die sagenhaften Gewinne, die Pharmakonzerne dank der weitgehend von der öffentlichen Hand finanzierten Forschung entwickelten Impfstoffe einstreichen. Der Patentschutz wird selbstverständlich – zum Schaden von Milliarden armer Menschen in der Dritten Welt – nicht angetastet. Millionen werden auch bei der nächsten Pandemie im Schatten unserer eurozentrierten Hysterie krepieren. Zum Beispiel die schleichend eingeführte Privilegierung von Geimpften. Noch vor einem Jahr lauthals von links bis rechts zum Tabu erklärt, geht es heute nur noch um die technische Beschaffenheit eines Impfpasses, der in Zukunft ein vergleichsweise freies Leben jenen erlaubt, die frühzeitig an den Impfstoff kommen werden, die andern tragen gefälligst ausserhalb von Spitälern und Heimen wirkungslose Masken und bleiben zuhause. Am Ende des Tages wird man vielleicht vom einen oder anderen – nicht mehr gewählten – Würdenträger hören können, dass eigentlich nichts gegen das Virus gewirkt habe. Ausser die Impfung – aber dass man zu feige gewesen sei, das dem Volk so direkt zu sagen.

Aber wer ist das Volk oder – um auf den Anfang zurück zu kommen – die in einer Demokratie massgebende Mehrheit? Gemäss der nicht gerade optimistischen Aussage von Max Frisch besteht die Mehrheit aus Canaillen, also Trotteln, Dummköpfen, die sich von einer Lüge der Herrschenden zur anderen manövrieren lassen, solange der Zugang zur Droge Konsum nicht verwehrt wird. Diesen Grundsatz haben sich die Medien zum Geschäftsmodell gemacht. Es gab und gibt Medien, die jeden nur erdenklichen Schwachsinn zur Katastrophe, zum Skandal zur Gefahr für die Menschheit aufgeblasen haben, wenn man auch nur in Ansätzen eine Verbindung mit dem Virus herstellen konnte. Keine angebliche Studie zu abstrus, um nicht als neuer Schocker eingesetzt zu werden. Beispiel: Kranke Zähne sind eine Gefahr bei Corona. Oder in Indien wurde ein Hauskatze vom Virus angesteckt oder umgekehrt, wer weiss das schon. Warum nicht eingewachsene Fuss-Nägel? Es wird sich sicher ein Weisskittel finden, der dies hinter einer Nickelbrille versteckt als nackte Wahrheit verklickert. Die Verluderung der journalistischen Sorgfaltspflicht ist womöglich die nachhaltigere Katastrophe als das Virus selbst, das nach einer eigenen Gesetzmässigkeit so oder so seine Gefährlichkeit als Massenkrankheit verliert. Die Medien jedoch bleiben, jedenfalls die Klickmedien, die nach dem Prinzip „fresst Scheisse Leute, eine Million Fliegen kann sich nicht irren“ ein degoutantes Geschäft am Laufen halten. Was wird bei der nächsten Pandemie an medialer Verblödung auf uns zukommen? Oder wird man sich diese Frage gar nicht mehr stellen müssen, weil es eine Zeitung, eine anständige Informationssendung dann schon gar nicht mehr geben wird? Weil es die Canaillen sowieso nicht mehr wissen wollen? Es stände den Journalistinnen und Journalisten unserer Zeit gut an, sich einmal – nur als Beispiel – mit Umberto Ecos oder Pier Paolo Pasolinis Essays über die Medien zu beschäftigen oder abwechslungsweise mit den Arbeiten von Neil Postman oder Noam Chomsky. Nur als Anregung. Ein weiterer Medien-Super-Gau wie der jetzt gerade abflachende wird nämlich keine Demokratie überstehen. Der freie Fall in den totalitären Meinungsterror ist sonst vorgezeichnet.

Es ist nicht vieles schief gelaufen während dieser Pandemie. Es ist alles schief gelaufen. Die Verantwortung tragen jene, die sich jetzt anschicken, sich selber zu den Siegern zu erküren. Bevor sie sich gegenseitig die Orden umhängen, sollten wir darüber nachdenken, wo man ein schickliches Plätzchen für deren Entsorgung finden könnte. Für die Orden und deren Träger. St. Helena hat sich diesbezüglich schon einmal bewährt.

Olten, im Mai 2021/SF

PS: Im Buch «Der Abgang» wird das Kippen der Schweiz in einen totalitären Staat satirisch und böse beschrieben. Der darin angenommene Zeithorizont ist noch nicht abgelaufen. Es ist noch vorbei.