Gedanken zur Zeit I

Versuch über das Schlaumeiern

Wer erinnert sich noch an die Zeit, als das Kabelfernsehen in unsere Stuben eingezogen wurde? Wohl nur noch wenige, bei sinkender Tendenz. Weil vermutlich die meisten unter uns schon mit dem Kabelfernsehen aufgewachsen sind. Und viele meinen, das Kabel – wie das Fernsehen an sich – sei eine geradezu amtliche Massnahme gewesen, was wiederum nicht erstaunt, wenn man weiss, dass heutzutage ein Fernsehgerät zum unpfändbaren Grundbedarf gehört. Wenigstens in der Schweiz.

Die Verkabelung des Landes war aber mitnichten eine Folge gesetzlicher Vorschriften und behördlichen Handelns. Es gab nie einen Beschluss, der in etwa gelautet hätte: mit Datum vom Soundsovielten müssen die Haushalte des Landes an das Fernsehkabel angeschlossen sein. Der Trick war ein anderer, ein geradezu poetisch-ästhetischer. Es waren die Fernsehantennen, die – zuerst von Ortsbildschützern, Heimatschützern, Landschaftsschützern, dann von den Journalisten, schliesslich, unvermeidlich, von den Politikern – als schandbare Behinderung unserer Aussichten gegeisselt wurden. Kein Wunder, wurden ob der ebenso natur- wie menschenfreundlichen Ansichten schier altruistisch anmutende Genossenschaften aus der Taufe gehoben. Die heute noch – freilich mit ganz anderen Absichten ausgestatteten – weitherum existierenden, in aller Regel öffentlich-rechtlichen Kabelfernsehgenossenschaften.

Natürlich hatte das Ganze weder mit dem Schutz von Ortsbildern noch mit jenem der Heimat und schon gar nichts mit jenem der Landschaft zu tun. Wer sich heutzutage in urbanen Randgebieten oder in den Weichteilen jeder hergelaufenen Stadt umschaut, sieht sich mit einer Antennenkultur konfrontiert, gegen die eine Champignonzucht bestenfalls eine Parodie wäre. Im Unterschied zu früher sind heutige Antennen nicht mehr ein Gestrüpp aus Stangen sondern eine unüberschaubare Ansammlung von Pilzen.

Hinter der vorgeschobenen Pflege unseres ästhetischen Empfindens steckte handfeste Absicht. Der im Entstehen begriffene, telephile Bildungsbürger musste verhindert und zum permanent melkbaren Fernsehkonsumenten umgepolt werden. Das ausschliesslich durch Werbung finanzierte Privatfernsehen brauchte dafür breit ausgebaute Kabelbahnen (auf deren Trassen heutzutage die Datenautobahnen gebaut werden), um die unablässig produzierten Botschaften der sie finanzierenden Werbewirtschaft in die Stuben der im Gleichschritt verblödenden Zuschauer zu karren. Und damit Letztere nicht plötzlich auf dumme Gedanken kämen, wurde alles unternommen, um sie vor der Glotze halten. Vorbei die Zeiten, als uns das Testbild den Weg ins Schlafzimmer leuchtete. Dafür hüpfte nach 23 Uhr kaum einer mehr in Kleidern über den Bildschirm. Der Voyeurismus von Seite 3 – «ich kaufe den Bligg aber nur wegen dem Sport» – wurde nahtlos in die Kanäle von Fernseh-Anstalten umgeleitet, mit speziellem Verweis auf den Wortteil Anstalten (treffender hätte eine der noch überlebenden Satiresendungen im deutschen Sprachraum kaum benannt werden können). Dass die heute ihres letzten Lesers verlustig gewordenen Verlagshäuser zu den Treibern dieser Entwicklung gehörten und somit den Tod ihrer einst stolz auf dem Panier verlegerischen Schaffens durch die oft ephemeren medialen Kapriolen getragenen Titel selbst verschuldet hatten, dürfte bald als bittere Ironie des Schicksals in den Web-Archiven like-los abgelegt werden. Heute zählt jedenfalls nur noch Reality. Ob über Kabel oder Parabol-Antenne ist unbedeutend. Hauptsache, Konsum und TV sind nicht mehr auseinander zu halten. Die Nivellierung nach unten ist auf allen Kanälen, auch auf den so genannt öffentlich-rechtlichen, volles Programm.

Der Trick mit der Ästhetik ist von Belang. Kaum eine Branche, die sich inzwischen ein faktisches Monopol nicht über parastaatliche Eingriffe zu sichern versucht hätte. Die Gesundheitsindustrie ist dafür ein schmerzhaftes Paradebeispiel, das zudem noch durch semantische Taschenspielertricks angereichert wurde. Aus Patienten wurden Kunden. Der Markt, das Hochamt der neoliberalen Ideologie, wurde nonchalant durch Staatsgarantien ausgeschaltet. Das gesetzliche Obligatorium einer Krankenversicherung wurde durch die – von den «Kunden» über deren Steuern berappte – Prämienverbilligung in eine soziale Wohltat umbenannt. Kein Wunder, prahlen heutzutage vorwiegend Politikerinnen des nominell linken Spektrums mit dem epochalen Fortschritt, der, aus der Nähe betrachtet, aus einer unbestreitbaren Notwendigkeit eine komplett aus dem Ruder gelaufene Bereicherungsmaschine für Zulieferer und Dienstleister jeder Art gemacht hat. Wen wundert‘s, wenn die Prämien für diese Art Gewinnmaximierung jedes Jahr steigen und so die Gewinnerwartungen der beteiligten Akteure der «freien» Wirtschaft absichern.

Manchmal verlaufen die Dinge freilich ungewollt harzig. Etwa, wenn über Jahrhunderte eingeübte Abläufe sich zur Kultur entwickeln und sich tief in unserem Bewusstsein festsetzen und das tägliche Handeln bestimmen. In solchen Fällen bedarf es mehrere Anläufe, um die derart widerspenstige Gesellschaft auf den Weg des Gewinns (für wenige) zu bringen. Die Rede ist vom Bargeld.

Seit der Erfindung der Kreditkarte in den Fünfzigern ist davon die Rede. Geklappt hat es bisher noch nicht. Aber es wird sich bald ändern. Doch der Reihe nach.

Die Plastikkarte war anfänglich das unerlässliche Accessoire des modernen, reisefreudigen Mannes, so, wie die nebenher stöckelnden Blondinen, welche sich um prosaische Dinge wie die Hotelrechnung oder die monetäre Begleichung anderweitigen glamourösen Lebenswandels an der Seite der Unbesiegbaren gefälligst nicht zu kümmern hatten. Aber wer war schon Ursula Andress, von James Bond ganz zu schweigen? Der Massenfaktor für das Kärtchen fehlte. 

Man versuchte es sodann mit der Hygiene und behauptete, Geldscheine – von Münzen war schon gar nicht die Rede, es sei denn, man warf sie in Telefonautomaten ein – seien schmutzig, schlimmer noch, man hätte es mit der Übertragung von Krankheiten zu tun, wie wenn die Nutzung der Kreditkarte ein aseptischer Freibrief für den Besuch in der Maison close wäre. Ein weiterer argumentativer Fehlschlag. Dem Dümmsten dämmerte es nämlich, dass – falls das Argument stichhaltig gewesen wäre – die sich als zivilisiert bezeichnende Menschheit seit mindestens fünfhundert Jahren, jedenfalls seit Geldscheine im Umlauf waren, hätte ausgestorben sein müssen. 

Die nächste Attacke auf das hinterwäldlerische Verhalten der Bargeld-Romantiker kam mit dem Internet. Paypal machte zwar dessen Erfinder steinreich – man verzeihe den prähistorischen Vergleich – aber von einem Abschaffen des Bargeldes war man immer noch meilenweit entfernt. Man traute der Bezahlung durch Geisterhand nicht im gewünschten Ausmass, Bedenken zur Datensicherheit taten ihre übriges. 

Dann sollte es die Gamer-Jugend richten. Jene Menschen, deren bückender Gang auf eine noch zu besprechende morphologische Rückbildung hindeutete und die Promotoren des neuzeitlichen Nicht-Geldes prompt zu falschen Schlüssen verleitete. Auch wenn ein Teil der Nerds ihre Snickers und Mars an der Coop-Kasse und im Kiosk mit der Karte bezahlen: bares Geld behielt seinen eigenen Wert. Denn Bargeld bedeutet, ein Handel wird für alle beteiligten – ohne Dritte – nachvollziehbar und endgültig und unmittelbar abgeschlossen. Hier Ware oder Dienstleistung da Geld. Punkt.

Aber gerade jetzt wird ein neuer Anlauf gestartet. Und alles deutet auf einen Durchbruch hin. Grund dafür sind die unterschiedlich Interessierten, die sich – nur scheinbar – um unseren einfacheren Lebensalltag kümmern wollen und eine Allianz gegen das Portemonnaie geschmiedet haben. Die Banken, die hinter dem – für die Kunden – teuren Bezahlsystem stehen, müssen nicht hervorgehoben werden, ihre Interessen sind, irgendwie, legitim. Unappetitlicher wird es freilich mit den Trittbrettfahrern aus dem Silicon-Valley. Für das AGFA-Kartell bedeutet die in Aussicht stehende Ausbeutung der Datenressource ein Billionen-Dollar-Ding. Jede einzelne Zahlung, die nicht mehr bar getätigt wird, steht unter der Kontrolle und Auswertung von Apple, Google, Facebook oder Amazon (zu schweigen von Alibaba und anderen Freibeutern, die im Datenmeer ihre Netze für reiche Fischzüge auslegen). Und? Noch grauslicher wird es schliesslich, wenn man sich der geheimdienstlichen Interessen hinter den Bezahl-Modi des Einzelnen vor Augen führt. Jetzt ist auch der Staat mit an Bord. Die totale Kontrolle über das Konsumvergnügen seiner Bürger (und alles, was sich davon ableiten liesse) war noch nie so nahe wie heute. Das chinesische Sozialbonus-System ist der feuchte Traum hiesiger Verteidiger unseres christlich-abendländischen Wertesystems. Die Karten – und noch mehr die immer zahlreicheren digitalen Bezahlformen – sind dafür bloss die Vorstufe. Und Eric Blairs 1984 eine Gute-Nacht-Geschichte für Waldorf-Kinder. Es fehlte aber ein entscheidender Faktor: das zwingende Argument, das dem dümmsten Schaf in der Herde den Weg zum Salzblock weist. Es ist die Angst vor dem Tod. Genauer: die zur potenziellen Tötungsabsicht herbeigeschriebene Kontaktnahme über das Bargeld. Wer will schon seine Kioskfrau umbringen, nur weil man seine Zigaretten bar bezahlt. Oder sich von der Frau hinter dem Plexiglas um die Ecke bringen lassen, weil diese einem das Rückgeld für die – nebenbei tödlichen – Zigaretten in die Hand drücken will. 

In diesem Zusammenhang auf das Impfen gegen Krankheiten hinzuweisen, mag vorerst abstrus erscheinen. Doch entscheidend ist nicht das konkrete Anwendungsgebiet sondern die Mechanik dahinter, die Methode. Um vorschnellen Vorverurteilungen vorzubeugen, sei hier ohne jeden Unterton festgestellt: der Schreibende hält Impfen grundsätzlich für sinnvoll, für einen echten Fortschritt in der menschlichen Entwicklung (eine andere Einschätzung wäre angesichts der mit eigenen Augen in Afrika vor Ort tagtäglich beobachteten humanen Katastrophen, denen Menschen durch Kinderlähmung, Tuberkulose oder Gelbfieber ausgesetzt sind, nur zynisch) und hat sich folgedessen am erstmöglichen Tag dafür angemeldet. Es ist freilich eine ganz andere Frage, ob diese Impfung – gegen welche Krankheit auch immer – durch Überzeugung oder durch faule Tricks durchgesetzt wird. Was derzeit in Europa abläuft, lässt letzteren Schluss befürchten.

Um an den Anfang zurück zu kommen. Kein Politiker, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde jemals öffentlich eine Impfpflicht – (das Wort Zwang wurde von den Kommunikationsstäben tunlichst ausgemerzt, auch wenn die repressive Nachachtung, die beispielsweise der Maskenpflicht durch den Staat verschafft wird, nichts anderes ist als Zwang) – gegen das Virus der aktuellen Saison verlangen.

Man greift auf bewährte Methoden zurück. Der des Impfens Unwillige soll nicht – zumindest nicht öffentlich – verfolgt werden, dafür werden alle Geimpften mit der so genannten Normalität belohnt. Das muss man sich einmal nüchtern vor Augen führen lassen. Um mit seinen Kumpels ein Bier trinken zu können, ohne dabei mit einer ohnehin fragwürdigen Maske bis zum Tresen vorstossen zu müssen und darüber hinaus noch einen Unbedenklichkeitsausweis, sprich Test, bei sich zu tragen, soll sich der fröhliche Trinker  gefälligst mit einem Impfstoff abfertigen lassen. Das ist eine ganz neue Art des Totalitarismus.  Aber eigentlich ist es die alte Tour. Man gaukelt das Gemeinwohl vor, um dahinter steckende politische oder wirtschaftliche Interessen zu verwedeln. Wie mit dem Kabelfernsehen (oder  dem nachfolgenden Digitalzwang beim Radio zum Beispiel): Man muss sich nicht ans Kabel anschliessen, man erhält dafür einfach kein Fernsehprogramm mehr, oder ohne geimpft zu sein keine Reisegenehmigung, oder keinen Zutritt ins Kino, ins Museum usw.

Der Unterschied liegt allerdings bei den überprüfbaren Realitäten. Diese faktische Diskriminierung einzelner Gruppen einer sich als demokratisch, solidarisch, gar empathisch erklärenden Gesellschaft fusst auf einer fatalen Absenz der Wahlfreiheit. Während Politikerinnen vornehmlich – und irritierend – nominell linker Provenienz unerbittlich Nicht-Geimpfte als Parias der Gesellschaft sehen möchten, bleibt die nüchterne Feststellung, dass es nicht einmal annähernd genügend verfügbaren Impfstoff gibt. Da wirkt die peinliche – durch stetes Wiederholen nur noch peinlichere – Behauptung der für das Impfen zuständigen Beamtin, wonach die Schweiz das erste Land in Europa gewesen sei, das jemanden geimpft habe, wie ein Zitat aus Dürrenmatts unnachahmlichen Komödien (etwa die Physiker). In beiden Fällen läuft es auf eine bittere Tragödie hinaus. Oder wollte die Spitzenbeamtin einfach nur demütig auf den Evangelisten Matthäus verweisen (19.29 - 30), der von den Ersten berichtete, die dereinst die Letzten sein würden? Fragen über Fragen.

Die vor diesem Hintergrund im Hohen Haus des Schweizer Senats (sprich Ständerat) diskutierten Privilegien für Geimpfte – der bekannte internationale gelbe Imfpausweis wird klammheimlich zum Schattenpass – rücken unweigerlich die an den Anfang gestellte Frage nach den Tassen im Schrank in den Vordergrund. Denn ein Impfzwang, selbst eine sprachlich geschönte Impflicht, wirkt angesichts der für das Volk nicht vorhandenen Handlungsoption irgendwie – wie soll man es anständig formulieren? – abstrus. Die Kommunikation zwischen der Gesellschaft hier unten und ihren Vertretern dort oben scheint ernstlich gestört zu sein. Oder vielleicht ist einfach nur so, dass sich die Gewählten als Auserwählte betrachten und es sich deshalb meinen erlauben zu können, sich um die Realitäten foutieren können.

Der Verdacht ist angesichts, der neuesten Eskapaden desselben Klubs im Bezug auf die Altersvorsorge nicht von der Hand zu weisen. Auch hier wieder derselbe Trick. Man gibt vor, sich um das Altern in Würde kümmern zu wollen, weshalb die künftigen Alten bitteschön heute schon über die Mehrwertsteuer mehr blechen sollen, was natürlich den wehrlosen Arbeitnehmern proportional sehr viel mehr abverlangt, als ihren Bossen, die pro Monat bis zu vierhundertmal mehr Kohle abholen. Und obendrein sollen auch noch die Frauen drankommen. Ein Jahr länger schuften, um eine miserable Altersrente zu bekommen. Aber eigentlich ist das ja auch nur der übliche üble Trick. Mit der Verlängerung der Lebensarbeitszeit (für die Rettung unserer Sozialwerke, wohl verstanden) werden einfach mehr Arbeitslose produziert, da es für über Fünfzigjährige (vor allem Frauen) – wehe, sie verlieren ihre Job – keine Arbeit mehr gibt. Und Arbeitslose werden nicht von der AHV bezahlt, sondern von der durch Lohnprozente finanzierten Arbeitslosenkasse und schiesslich von der Sozialhilfe. Und so ganz nebenbei hat man mit dieser Schlaumeierei auch gleich die störende Diskussion um die Ungleichheiten bei Vermögen und Einkommen erledigt. Friede herrscht und Freude: die Reichen werden noch reicher, denn die Vermögen werden nicht angetastet, und die Bosse, die längst keine Patrons mehr sind, sondern Performance-Künstler, ziehen mit Salären und Boni davon, die nicht selten hundert- bis vierhundertmal höher ausfallen als die Löhne ihrer Angestellten – ab, in die Steuerparadiese. Die erwähnte Ungleichheit der Vermögen und Einkommen hat übrigens jenen Stand erreicht, den man am Vorabend des Ersten Weltkrieges verzeichnete. Aber kein Grund zur Panik, die Pächter der Macht in Bern, Paris, Berlin oder Brüssel haben alles im Griff. Genauso wie den Klimawandel. Schliesslich hat man darüber geredet. Oder? Verhaltensänderungen, Anpassungen? Nicht doch. Schlaumeiern wir weiter.

Erfolgreiche Anpassungen an sich verändernde Umstände setzen bei einer gesetzten Gruppe von Wesen üblicherweise eine generationenübergreifende Mutation voraus. Eine seit Darwin zum Axiom gewordene Erkenntnis, der sich lediglich eine wachsende Zahl einseitig von Burgern und Donuts ernährten, übergewichtigen Menschen auf dem nordamerikanischen Kontinent widersetzt.

Blickt man sich im heutigen Alltag vorurteilslos um, ist eine zwar schleichende, nichts desto trotz fundamentale Veränderung in der Körperhaltung des modernen Menschen festzustellen. Ist es bloss die zum Bückling neigende Haltung, die der unablässigen Nutzung des zum extra-korporellen Organ herangewachsenen Handy geschuldet ist? Eine offene Frage. Fraglos hingegen ist die beobachtbare Nutzung der oberen Extremitäten, der Hände und Arme. Es werden nur noch rudimentäre Übungen ausgeführt, oft begleitet von Grunzen oder anderweitigen Gefühlsausbrüchen, die sich aus der mittlerweile stillgelegten Sprachfähigkeit ergeben. 

Die unstrittigen Verhaltensänderungen und Rückbildungen der Kommunikationsfähigkeiten eröffnen sich jedem, der mehr als fünf Minuten auf einem Bahnsteig verbracht hat und nicht notwendigerweise Konrad Lorenz heißen muss. Die sich hier tagtäglich offenbarende morphologische Mutation des Homo Sapiens Sapiens führt uns zwangsläufig in die unangenehme Nähe zum Schimpansen. Je nach Forschungsarbeit gibt es 98,9 Prozent und mehr genetische Übereinstimmung zwischen ihnen und uns. 

Jane Goodall, die längst den Nobelpreis verdient hätte, beobachtete als Erste, dass Schimpansen Hammer und Amboss benutzen und in gut organisierten Gruppen Jagd auf andere Affen zwecks Nahrungsbeschaffung machen – das heisst: Fleisch, Proteine. Nun ist es ja heute so, dass die Körperhaltung der meisten Menschen wie oben beschrieben zunehmend jener der Schimpansen im Kongo entspricht. Man bückt sich, um mit irgend etwas, notfalls mit blossen Fingern, auf ein flaches Irgendetwas zu hämmern, um daraus Schlüsse zu ziehen. Wer den Trick am besten beherrscht, hat bessere Aufstiegs- und Überlebenschancen in der Gruppe. Das Resultat ist nicht wirklich vorteilhaft – für die Menschen. 

Schimpansen waren vermutlich die ersten Schlaumeier, die den Mitgliedern ihrer Gesellschaft das Fell über die eigenen, grossen Ohren zogen. Ihre nahen Verwandten auf den Bahnsteigen dieser Welt werden die letzten sein.

Olten, März/SF

Versuch über das Tatörtchen

Das waren noch Zeiten als Sam Spade (Dashiell Hammett) aus dem Malteser Falken die Diamanten herausbrach und Philip Marlowe (Raymond Chandler) im Big Sleep eine Gangsterbande aufmischte. Oder als Wachtmeister Jakob Studer (Friedrich Glauser) dem hochgeachteten Dr. Laduner auf die Schliche kam und der todkranke Kommissär Hans Bärlach (Friedrich Dürrenmatt) seinen Assistenten Tschanz zum Henker für den sich als unantastbar haltenden Verbrecher Gastmann machte. Und dann wollen wir Jules Maigret (Georges Simenon) nicht vergessen, denn ohne ihn wäre die europäische Literatur zum Kriminalkommissar gekommen wie die katholische Kirche zur bis heute unaufgeklärten unbefleckten Empfängnis. Freilich idealtypisch verkörpert durch die beziehungsmässig unauffällige Miss Jane Marple, die sich zwischen Buchdeckeln jene Freiheiten nahm, welche sich die zu gut behütete Agatha Christie, Tochter betuchter Eltern, nicht leisten durfte. Wobei die Autorin die wirklich bedeutenden, sich in den unendlichen Weiten und sogar jenseits des britischen Empire (Aegypten, Balkan, Frankreich) ereignenden Fälle aus verlegerischem Kalkül dem belgischen Bonvivant Hercule Poirot überlassen musste. Grandiose Literatur hat unseren Urgrosseltern unvergessliche Schauer über den Rücken gejagt und liess in hölzernen Kinogestühlen unsere Grosseltern und Eltern zu folgenreichen Gefühlen hinreissen.

Aber dann kam das Fernsehen. Die hardboiled Detectives und ihre grantigen, mit seelischen und körperlichen Schrammen übersäten Kollegen mussten für ein den Entbehrungen des Krieges entfremdetes Massenpublikum weichgespült werden. Das Wirtschaftswunder brauchte neue Helden, stromlinienförmige wie ein Jaguar E. 77 Sunset Strip, Jerry Cotton und ähnliche Erzeugnisse beglückten uns als Abklatsch einer Epoche, in der Hammett, Chandler, Christie, Simenon, Glauser, Dürrenmatt und ein paar andere nur noch als Säulen – ähnlich jener Reste hoch über Camilleris Vigata gelegenen Valle dei Templi verbliebenen Zeugen einer verblichenen Kultur - unseres phantasmagorischen Denkens stehen geblieben sind. Es kam aber noch viel schlimmer.

Irgendwann – wen, wundert´s, nach der Kommerzialisierung des Hippie-Wesens – wurden wir über den neusten Stand des moralischen Niederganges in den Vereinigten Staaten informiert. Die Strassen von San Francisco wurden uns vertrauter als es das beste Navi je liefern könnte. Karl Malden und Michael Douglas führten uns 120 Mal durch die nicht zu verpassende Touristendestination am Pazifik. Und die entsprechenden Annoncen von TUI, Hotelplan, Kuoni und Konsorten liessen nicht auf sich warten. Das wirklich stilprägende Element war jedoch anderer Art. Von nun an hatten sich Kommissäre, Inspektoren, Cops, Officers, Leutnants, wer auch immer in die Abgründe menschlichen Versagens abtauchte, weder mit einer Magnum, noch mit einer Walther PPK oder einer SIG-Sauer zu bewaffnen – das entscheidende Teil musste ausnahmslos ein aus Automaten herausgequetschter, stets übel schmeckender Kaffee sein, und nie, niemals, in einem Becher kleiner als ein Blumentopf, in dem normalerweise eine zehn bis zwölf Meter hohe Palme bequem sprösse. 

Dann kamen Starsky und Hutch und die Kleiderständer von Gucci und Versace in Miami Vice. Und deren ebenso sinnfreie Ableger in Europa. Die smarten Ermittler-Teams eroberten die Quoten und lösten “Harry-hol-schon-mal-den-Wagen“ ab. Der Anspruch, eine gute Geschichte mindestens ebenso gut filmisch umzusetzen, wie es geschrieben stand, war längst schon in den Zwängen des Kommerzes zerquetscht worden. Was zu zählen begann, war der kommerzielle Koeffizient, will sagen: wie sorgt man dafür, dass die Typen am Fernsehen als Doppelgänger in den bekannt gemachten Klamotten in Boutiquen an der Fifth Avenue, in Kensington, Chelsea oder im Quartier Latin, der Bahnhofstrasse und in der Sendlinger-Strasse auflaufen. Es hat gut geklappt.

Aber nur Konsum wird mit der Zeit öde. Nach tausenden schon nach der ersten Einstellung durchschaubaren Plots sehnte sich ein vom Kino und der Literatur längst schon entwöhntes Publikum nach kniffligeren und vor allem “realitätsnäheren“ Stories.

Endlich kamen innert neunzig Minuten die relevanten Fragen auf den Tisch, über deren Implementierung in den politisch-gesellschaftlichen Prozess eine Generation hoffnungsvoller Soziologen, Psychologen und eine ins Uferlose sich ausweitende Zahl von “politischen Beratern» erfolglos aber immerhin gut bezahlt den Kopf zerbrachen. Unüberschaubare Kohorten von Anwälten, Verteidigern, Richtern, Privaten, Pensionierten, Müttern, Grossmüttern ermittelten fortan zu den aufwühlenden Fragen über Inzest, Missbrauch jeder denkbaren Variante (was selbstredend alle möglichen Voyeurismen befriedigte), Haschischkonsum (den Alkoholismus nonchalant auslassend), Bandenkriminalität (stets mit italienisch-sizilianischem, bedarfsweise balkanischen Einschlags), Spätpubertät und schlichten Wahnsinn was das Zeug hergab. Und dann gab uns die Fernsehanstalt zäpfchengleich den Tatort. Alles war jetzt an einem Ort.

​​​​​​​Auf einmal fand sich alles an der seit den alten Griechen vorbestimmten Einheit von Ort, Raum und Zeit wieder. Innert 24 Stunden hatte sich ein Ereignis – mit Vorteil Mord – an einem überschaubaren Ort – idealerweise in einer touristisch noch weitgehend unterentwickelten Stadt wie etwa Duisburg – und in einer nachvollziehbaren Lokalität wie etwa einer Bank, einem Puff oder in der letzten Etage eines Plattenbaus abzuspielen. Mit der neuen Realität, gleichsam einer etwas aufgebleichten Serie noire, traten neue Typen vor die Kamera, allen voran Horst Schimanski, gespielt vom zwar verstorbenen aber unsterblich bleibenden Götz George, dem man die Rolle buchstäblich auf den Leib geschrieben hatte. Und trotzdem durfte das von Publikum und Kritik gleichermassen geliebte und gehasste Konzept (das Fundament für eine ewig währende Freund-Feindschaft) nicht überleben. Schimanski wurde in Pension geschickt. Die politische Korrektheit zog ein und damit zwangsläufig das saisonal verfügbare Angebot. Plötzlich schwangen Menschenhändler, Finanzakrobaten und dubiose EU-Profiteure obenauf. Da hatten Schimanski und Co. keinen Stich mehr. Da musste Beliebigkeit her. Allem voran war jetzt, nach der erfolgreichen neoliberalen Revolution, neue Ablenkung gefragt.

Seit der Jahrtausendwende passten zwei Entwicklungen perfekt zusammen. Der Neoliberalismus war für Eingeweihte und für alle jene, die es zumindest öffentlich nicht eingestehen wollten, längst als furchtbarst mögliches Erbe des Manchester Kapitalismus entlarvt. Aber das durfte – Karl Marx sei bei mir! - kein Schwein öffentlich sagen. Der Kalte Krieg war ja nur gerade in die Kühlkammer gestellt worden und die Geschäfte an den Börsen florierten wie niemals zuvor. Es tat deshalb Not, nach Ablenkung zu sorgen. Und die zweite Entwicklung war die Wiedergeburt der Genderdiskussion, verbunden mit der – überfälligen – Befreiung der sexuellen Identitäten aus der Schmuddelecke eines kleinbürgerlichen Miefs.

Plötzlich traten alte Gruppen in neuen Kleidern auf die Bühne. Die Lesben, die Schwulen, die Transen, die Bi-Irgendetwas traten unter dem Regenbogen und unter Führung der selbst ernannten Feministinnen den Kampf gegen die etablierte Ignoranz an. Und – wer hätte es dem eben erst erfundenen Klick-Journalismus verübelt – es wurde zu einem durchschlagenden Erfolg. In den Medien. Nicht in der mit schwindender Kaufkraft, verlorener Mitsprache, verspielter Hoffnung auf eine würdiges Alter gegeisselten Gesellschaft des Normalbürgers. Diesen Teil der industrialisierten Welt überliess man getrost den neuen Rechten. Es traf sich ausgezeichnet, dass die bereits erwähnten Massenmedien wie das mittlerweile zum farbigen Schwarz-weiss-Fernsehen mutierte Totalmedium zu einer Korrektur des überholten Geschlechter- und Sonst-Wie-Bildes eines pluralen Gesellschaftskörpers beizutragen hatten. Ohne Auftrag freilich.

Die Krimi-Abend – an Sonntagen im deutschsprachigen Raum das Hochamt der Fernsehkultur – werden seit schätzungsweise 15 Jahren zwar immer noch dieselben kriminellen Taten abgewickelt, aber deren Auflösung wird einem ausgewechselten Personal anvertraut. Waren es zu den Urzeiten des Krimis hartgesottene, oft nicht sonderlich sympathischen Typen, die den oder die Verbrecher lebend oder tot zur Strecke brachten, sind es heutzutage entweder leitendende Frauen oder – Beispiel Tatort Schweiz oder in französischen Serien – Frauenteams. Das könnte man so stehen lassen. Geht aber nicht. Dieselben Frauen sind stets entweder lesbisch, geschieden, alleinerziehend mit mindestens zwei Gofen am Rockzipfel, vegan, von einer eifersüchtigen, durch das Set irrlichternden Ex-Schwiegermutter belästigt und ständig entweder auf der Suche oder zumindest bedrängt durch einen mit-ermittelnden Kollegen, gegebenenfalls von einer Kollegin. Und immer ist es der Pathologe, der sich, zwischen Skalpell und Knochensäge hantierend, einen Zugriff auf die immer, aber wirklich immer, attraktive Ermittlerin erhofft. Wenigstens auf eine von beiden. 

Als aufgeklärter (unbewiesene Behauptung) Zeitgenosse liesse sich argumentieren, dass die geschilderte Verarmung eines an sich schon nicht unbedingt unter überbordendem Intellekt leidenden Genres (von den erwähnten Genies, denen Camilleri, Mankell, Montalban und eine Handvoll andere beizufügen wären, abgesehen) kaum der Rede wert wäre. Aber die Krimi-Industrie erfüllt einen Zweck. Ob sie will oder nicht. Heute mehr denn je. Das Verrückte dabei ist die totale Trennung zwischen Fiktion und Realität. Namentlich wenn es um die Besetzung der tragenden Rollen geht. Konkret: die heutzutage auf allen Kanälen zelebrierte Dominanz weiblicher Ermittlerinnen über ihre – oft trottelig dargestellten – Untergebenen (erst recht, was ihre Vorgesetzten betrifft) hat mir der Wirklicht nichts, gar nichts, zu tun.

Die Realität ist: Eine eigenhändige Recherche bei kantonalen Polizeikorps quer über das schweizerische Mittelland hat ergeben, dass bei der Ermittlung von schweren Verbrechen zwischen neun und zwanzig Prozent Frauen tätig sind. Von allen befragten Polizeikorps wurde bestätigt bzw. unterstrichen, dass bei schweren Verbrechen nicht Zweier-Teams (wie in den Krimis) eingesetzt würden, sondern Spezialistenteams, die je nach Lage des Falles entsprechend besetzt werden.

Die Fiktion der je nach Lage der gesellschaftlichen Befindlichkeiten und den medialen Klick-Bedürfnissen geförderten Plots hat mit der gelebten Wirklicht der – ohne Ausnahme – finanziell und politisch vernachlässigten Kriminaldienste nichts zu tun. Warum also der Fake?

Offensichtlich gibt es immer wieder genügend sendungsbewusste Programmverantwortliche in den Fernsehanstalten, welche sich zur Bildung eines unbedarften Publikums berufen fühlen. Bildungsfernsehen halt. Der mediale Begleittross schützt die Flanken gegen allfällige, kleinbürgerliche Uebergriffe, die darauf bestehen könnten, einen Polizisten ganz einfach seine Arbeit machen zu lassen und so möglichst nahe an dessen und unsere Realität heranzukommen. Langweilig. Dagegen sind natürlich Frauen, die ständig am Rande eines Nervenzusammenbruchs pubertierende Blagen, aufdringliche Lesben, korrupte Vorgesetzte und dämliche Politiker sowie immer – immer – entweder besoffene oder bekiffte Kollegen in einer Dauerjonglage halten müssen und dabei ganz beiläufig noch das organisierte Verbrechen, einen Serienmörder oder zumindest einen durchgeknallten, koksenden Banker zur Strecke bringen ... bedeutend geiler.

Es gibt ganz offensichtlich Interessen hinter den von privaten und öffentlich-rechtlichen Medien über unsere Bildschirme getriebenen Fälschereien. Eine aus Dummheit, Opportunismus und Ignoranz geschmiedete Allianz betreibt eine kolossale Gehirnwäsche, die uns nahezu tagtäglich weismachen will, dass die – endlich – gender-korrigierte Realität die wirkliche Wirklichkeit sei. Das Muster ist ein ideologischer Ladenhüter und wird sich, wie stets in der Vergangenheit, gegen dessen eigene Interessen verkehren. Veganer werden sich in der Ecke der Parias wiederfinden, die LGTB-Community verschwindet in der statistischen Fehlerzone. Und die sich als unersetzlich einstufenden «diversen sexuellen Identitäten» werden ganz einfach in der Müdigkeit der allgemeinen Wahrnehmung verschwinden. Warum? Weil die gemäss UNO-Statistik ungefähr sieben Prozent der Weltbevölkerung umfassenden "anderen" geschlechtlichen Identitäten zu unbedeutend sind, um mit den Mitteln der herkömmlichen Bewusstseinsveränderung bei den übrigen 93 Prozent nur den Anschein einer Erschütterung zu erzielen.

Der Fernsehkrimi, zumindest dessen deutschsprachige Variante – wehmütig sei an Stahlnetz erinnert – hat nicht nur nicht das Geringste mit der Polizei-Realität zu tun; er ist zu einer Bedürfnisanstalt für saisonale Dringlichkeiten geworden. Je nach Verlauf der gerade angesagten medialen Treibjagd durch das Unterholz menschlicher Absonderlichkeiten finden Drehbuchautoren und ihre Besteller Erleichterung durch die Kreation völlig abseitiger Charaktere, die zur Zeit als überdrehte Ermittlerinnen die garstige Welt zurecht rücken. Der Tatort wird zum Tatörtchen.

Wer allerdings auf Linderung dieser gebührengetriebenen Inkontinenz hofft, liegt falsch. Gerade hat die Mutter aller Fernsehgenres einen Helikopter auf dem Mars abgesetzt und der ebenso amerikanische Elon Musk schwafelt bereits von einem Ersatzplaneten für die hier unten während der sich abwechselnden Lockdowns zu Tode langweilende aber am Börsencasino reich gewordene Schickeria. Da wird es ja wohl kaum lange dauern, bis ein paar geschlechtslose Marsianer in Teslas Made in Germany über die Glotze flirren, um sonntagabends Schwarzhändler der inzwischen indexierten Romane von Dürrenmatt, Glauser oder Mankell dingfest zu machen. 

PS: Der bevorzugte Tatort? Die Ermittler aus Münster. Kriminalhauptkommissar Frank Thiel und Prof.Dr.Dr. Karl-Friedrich Börne. Zusammen mit der kleinwüchsigen, aber grossartig gespielten Pathologie-Assistentin "Alberich" und dem kiffenden Taxi-Fahrer und Thiel-Vater Herbert ein umwerfendes Quartett, das ab dem ersten Dialog keinen Zweifel offen lässt, dass die nächsten 90 Minuten ein ganzes Genre veralbert wird.

Olten, 21. Februar 2021/SF

Es begann an einem 1. Februar

Der Winter war hart – wie alle Winter zuvor – und zehrte an den Reserven der ländlichen Bevölkerung eines Landes von gut 2,7 Millionen Menschen im Herzen von Europa. Die Schweiz, das agrarische Alpenland, das sich dank Schlaumeiern und Visionären aus den bedeutendsten Händeln des noch nicht existierenden Europas heraushalten konnte und sich als anerkannt neutral bezeichnen durfte, war vor allem mit seinen eigenen Überlebenssorgen – Armut, Hunger, industrieller Umbruch - beschäftigt. 

Da ergab es sich, dass binnen 72 Stunden 87000 (sieben und achtzig tausend) französische Soldaten, die später als Bourbaki-Armee bezeichnete französische Ostarmee – ausgehungert, viele krank, dem Erfrierungstod nahe, gedemütigt einerseits von den Bismarckschen Armeen, andererseits von ihren Amateur-Politikern in Paris, welche den von Bismarck aufgezwungenen Krieg um jeden Preis von einer Niederlage in einen Sieg verwandeln wollten - in Les Verrières und drei anderen Übergängen an der Nordgrenze in die Schweiz «fluteten», um hier die nächste, noch unbestimmte Zeit zu überleben. 

Das Unglaubliche geschah. Eine autochthone Bevölkerung, vorwiegend mit sich selber beschäftigt, öffnete Herzen, Kirchen, Säle, Beizen, Stuben, Schulhäuser, um die Darbenden aufzunehmen, zu wärmen, zu versorgen, den Glauben an die Zukunft zu geben. Man teilte, was man für die eigenen Liebsten für die härtesten Zeiten gepökelt, eingemacht, getrocknet hatte.

Im Jahr 2021 beteiligt sich dieselbe Schweiz am Projekt Frontex, das gerade – endlich offiziell – in Verruf geraten ist, Flüchtlinge, die unter Lebensgefahr über das Mittelmeer Zuflucht im vergleichsweise reichen Europa suchen, rücksichtslos und selbstredend ohne jedes rechtsstaatliche Verfahren auf das offene Meer hinaus zu treiben. Die offizielle Schweiz, einmal mehr, ist Mittäter bei einem massenhaften Mord. Macht nichts, wir haben ja schliesslich die humanitäre Tradition, die am 1. Februar 1871 ihre Begründung fand.

PS: Die Flucht der Bourbaki-Armee in die Schweiz ist ein entscheidender Punkt in meinem Roman «Strohgold» aus dem Jahr 2019. Und: Besuchen Sie das Bourbaki-Panorama in Luzern, am besten zusammen mit Kindern und Enkelkindern.

Olten, 1. Hornig 2021

    Requiem für Marcel

Zum Glück schneit es. Der Schnee liegt über allem, und das ist gut. Obwohl.

Die Meteorologen weisen natürlich bereits daraufhin, so etwas käme nur alle zwanzig Jahre vor. Das erzählen sie aufgeregt vom Dach eines Hochhauses herab, uns die Freude vom Winter zu vermiesen. Soviel Schnee auf einmal und dann noch im Mittelland, also auch in unserer bisher durch nichts ausgezeichneten Stadt, wie Dostojewskij so trefflich einen seiner Handlungsorte (Böse Geister) beschrieben hat.

Was wissen diese Jungspunde schon vom Wetter von vor zwanzig Jahren oder vor vierzig oder sechzig. Ausser aus Statistiken. Was können sie vom Januar 1963 wissen. Von der Aaregfrörni. Als zwischen der alten, gedeckten Holzbrücke und der Bahnhofbrücke, bis hinunter zum Stauwehr sich meterhoch das Packeis türmte und man sonntags, umzingelt von Eltern und Grosseltern vom Quai herab dem gruseligen Knarren und Ächzen der Eisschollen lauschte und jederzeit mit dem Auftauchen riesiger Eisbären rechnete, mindestens eine Robbe im Maul zu Tode rüttelnd. Aber es waren nur ein paar Möwen, die verächtlich auf die Gfrörni herab kreischten, ihren Unmut kundtaten, in den Winterferien selbst noch im Süden vom Eis des Nordens verfolgt zu werden.

Das Wetter besserte sich, ein Frühling kam, aber das Packeis in den Köpfen blieb. Denn das Klima, das politische, vereiste sich noch mehr als jeder harte Winter es vermochte. Erst einen Vietnamkrieg und eine erste Ölkrise später sollte es in jungen Köpfen tauen. Der geistig-politische Permafrost verflüssigte sich, bis anhin fester Grund kam ins Rutschen, bildete Flüsse, Seen und Meere der Ahnungslosigkeit; man suchte Halt und fand ihn auf Flössen Gleichgesinnter. In unserer bis anhin durch nichts ausgezeichneten Stadt suchten die vom Festland des vorgefassten Denkens Vertriebenen und Geflohenen Zuflucht auf den Eilanden im Ozean der freien Gedanken. Und eine dieser Inseln war die Spanische Weinhalle.

Man traf sich freitags zur Lagebesprechung. Manchmal schon am Donnerstag, aber auch samstags oder mittwochs, gelegentlich dienstags, seltener montags. Nur am Sonntag hatte man frei. Und die Woche hatte sieben Tage und sieben Nächte. Vieles, alles, war zu überdenken, zu erörtern, abzuwägen, wohin die Weiterreise gehen sollte. Und immer wieder sorgte Marcel für Nachschub an Spanischem, oft auch an Bier und manchmal an Schnäpsen. Marcel, der weise Kapitän, der in seinen Hosenträgern nie den Überblick verlor und in einem Block alles notierte, was zu bezahlen war. Und das war nicht einfach, beim steten Kommen und Gehen. Wenn an den winterlichen Vernissagen die Gläser in den Galerien leergetrunken, die Häppchen weggefressen waren, blieb den Freibeutern der Kunst oft nur noch die Spanische als letzter Hafen. Wenn man etwa nach dem Hüsch, dem Fröbe, dem Kreisler oder dem Qualtinger aus dem Kleintheater kam oder von einer Galerie kommend gutgelaunt über die neusten Werke von Agnes, Adelheid, Bruno, Christian, Franz, Jörg, Jost, Kü, Marcel, Markus, Thomas, Urs, Viktor oder Ronny und wie sie alle hiessen palavern musste. Oder die bereits in den drei Tageszeitungen der bis anhin durch nichts ausgezeichneten Stadt erschienen Kritiken abwägen wollte. ‹Marcel, noch einen Zweier bitte.›

Gedanken wozu?

Diese Seite befasst sich mit eher aktuellen Fragen, die nicht unmittelbar mit den längerfristig ausgerichteten Buchprojekten zusammen hängen. Romane sind Schreiben als Marathon, Gedanken und essayistische Arbeiten eher Sprints.
Der Autor erhebt dabei nicht den Anspruch fachlicher Kompetenz. Es sind eben Gedanken zu Themen, die möglicherweise auch andere beschäftigen. 
Reaktionen sind immer willkommen.
Herzlichst
Ihr Stefan Frey

PS: Das Symboltier für diese Seite ist nicht zufällig ein Chamäleon. In Madagaskar, wo es über 30 Arten davon gibt, sagt man, das Chamäleon blicke mit einem Auge in die Vergangenheit und mit dem anderen in die Zukunft.
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